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    Wattenwilerwald



    "Schöner Wald in treuer Hand...
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    Wattenwilerwald



    ...labt das Aug' und schirmt das Land!", sagte schon Gottfried Keller.

Ortsmuseum Wattenwil

Fred und Cécile Zimmermann - Stiftung mit Gemäldesammlungen Walter Krebs und Adolf Niederhäuser

Rückblick

Gemäldeausstellung Gottfried Lüscher

31. August bis 18. November 2007

Einleitende Worte zur Ausstellung und Gedanken zu Gottfried Lüscher, von Peter Schuler, alt Seminarlehrer:

Vor 2 Jahren Reise nach Rumänien

Kleines Dorf vor den Karpathen, Ciskdànflava. Monat August. Leute auf den Feldern, an der Arbeit. Plötzlich eingefallen: die arbeiten ja wie bei uns in Wattenwil vor 70 Jahren. Alle auf dem Feld, beim Heuwenden, beim Zusammentragen, beim Heimfahren auf den breiten, niedrigen Wagen mit schrägen Seitenwänden. Kinder hocken hinter dem Fahrer, vergnügt und zufrieden über den Feierabend.

Wattenwil vor 70 Jahren

Stöcklistüpfe weit ums Haus herum, Völkerball auf der Strasse, kaum motorisierter Verkehr. Postauto Thun – Stocken – Gürbetal. Chauffeur Studer kannte uns alle und trug Sorge zu uns. Dr. Meyer auf dem kleinen Auto Marke „Wander“, Dr. Steiger mit dem grossen Töff, Wagner Hadorn mit seiner grossen Limousine, eher für Ausflüge als für den täglichen Verkehr. „Heile Welt“ für uns Kinder? Vielleicht, nicht aber für die Erwachsenen, sie hatten eine harte Arbeit zu bewältigen, mussten gegen Unwetter kämpfen und dem Boden alles abringen. In dieser Welt lebte auch der Kunstmaler Gottfried Lüscher, in einem eigenen Haus am Oelibach.luescher 2

Wir hatten wenig mit ihm zu tun. Ab und zu durften wir ihm für eine Kinderskizze sitzen. Sie sehen meinen Bruder Klaus in der Ausstellung, eine andere Skizze ist mit Heidi Luginbühl angeschrieben. Wir sahen flüchtig die Skizzen an und bewerteten kritisch die Genauigkeit der Zeichnung. Dass aus diesen Zeichnungen später grosse Oelgemälde entstanden, davor hatten wir keine Ahnung. Da hätte man schon eine seiner vielen Ausstellungen besuchen müssen. Das Haus am Stützli war geheimnisvoll. Wenn es sommerlich warm war, spritzten sehr feine Wasserstrahlen von der First über das heisse Dach und liefen über die Dachkännel in ein Bassin.

Wenn am Abend Kunstmaler Lüscher nach Hause kam, konnte er ein sonnengewärmtes Bad nehmen. Wir nahmen das als reine Zauberei, bis wir in der Schule die Funktion der Bimetallstreifen kennen lernten. Ich mag mich besinnen, dass ich in der Jugend ein einziges Bild von Gottfried Lüscher gesehen hatte, mit zwei Ausnahmen:

Im Gästebuch meiner Eltern fand sich eine Zeichnung: Segantini „Die Fabrik in den Bergen“ unvollendet, das heisst durch Gottfried Lüscher endlich vollendet. Die grosse Wolke auf dem Segantinibild konnte keine natürliche sein, es musste dort eine Fabrik haben, die der Maler unterschlagen hat. Der Text unter dem Bild zeigt, dass die beiden Ehepaare einen lustigen Abend verbracht haben: „Erinnerung an eine hormlase Tischkursion bei Thee und Zwabik! 24. August 1921. Ab 8 Uhr G. Lüscher u. Frau“.

Mit ein paar sicheren Strichen hat Gottfried Lüscher das Segantini-Bild genau skizziert und ebenso sicher mit einer Eisenbahn und zwei Fabriken ergänzt. Man würde sagen: ein sehr geschickter Künstler mit einem ausgesprochenen Sinn für Humor und für Freundschaft!

Das zweite Bild hing in der Wohnung meiner Tante in Bern. Es zeigte – in rötlicher Farbe – den Holländerturm am Waisenhausplatz. Ich habe nie gewusst, dass dieses Bild von Gottfried Lüscher stammte. Ich weiss auch nicht, wie viele Bilder Gottfried Lüscher zu seinen Lebzeiten verkauft hat. Ich weiss nicht, wo sich sein Oeuvre-Verzeichnis und wo sich der Rest seiner Bilder befindet, ich weiss nur, dass seinerzeit der Nachlass in der Galerie Schindler in Niederscherli sehr umfangreich war. Er schrieb mir einmal über seine Absichten:

„Wenn alles gut geht wird die Krönung meiner Bemühungen um das Lüscherwerk ein Kunstbuch sein, in dem einmal klar und deutlich der Öffentlichkeit in Word und Bild der vorzügliche Bernermaler Gottfried Lüscher ohne Wenn und Aber vorgestellt wird. Kostenpunkt ca. Fr. 100 000.-, Auflage 3000 Ex., Selbstverlag. Es wird sicher noch viel Arbeit und Bemühungen verschiedenster Art brauchen, um dieses Kapital zu beschaffen.“ Gottfried Schindler hat es nicht geschafft und ist am Nachlass Lüscher zugrunde gegangen.

Wir sind dem Ehepaar Mayer-Bühlmann (Anmerkung: Grundbach, Wattenwil) sehr zu Dank verpflichtet, dass sie Lüscher-Bilder gesammelt und nun für die Ausstellung zur Verfügung gestellt hat. Wenn auch nicht in einem teuren Kunstbuch, so doch in diesen traditionsreichen Räumen wird „der vorzügliche Bernermaler Gottfried Lüscher ohne Wenn und Aber“ vorgestellt. Wir sehen unser Dorf Wattenwil vor 70 Jahren noch einmal mit den Augen des Malers Gottfried Lüscher. 1831 hat der Komponist Felix Mendelssohn geschrieben, ein Dorf im Waadtland sei „einer der idyllischen Orte, wie wir zusammen etwa in Wattenwil einen gesehen haben“. Beide Elemente, die bewunderte Landschaft von Felix Mendelssohn und die Heimat einer harten und arbeitsamen Bevölkerung, die unter Entbehrungen und in ständigem Kampf gegen die Naturgewalten, stark und unbeugsam geworden ist, haben wohl den Maler Lüscher fasziniert. Beides ist denn auch in seinen Bildern zu finden: die Weite der Gegend am Fuss des Gurnigels und der Stockhornkette, die Gestalten aus der Bauernschaft und die merkwüdigen „Tätschhüttli“, die sich an den Boden ducken, wie wenn sie Angst vor Gewittern und Wassergrössen hätten. Gottfried Lüscher zeigt dieses Leben unverblümt, er sah alles mit seinen Künstleraugen und erachtet es als würdig, im Bild festgehalten zu werden.

Wir müssen uns fragen: Was steckt für uns im Jahr 2007 dahinter, welche Aussage, welches Anliegen, welche Botschaft des Malers empfangen wir durch seine Werke? Wenn wir heute vor seinen Bildern stehen – einige davon wurden seinerzeit von der Vereinigung ehemaliger Sekundarschüler von Wattenwil erworben und befinden sich heute im Altersheim – dann erfreuen wir uns vielleicht im ersten Augenblick an der sauberen handwerklichen Arbeit, die uns ohne jede Grosssprecherei etwas zeigt, in klaren Formen und Farben, was uns vertraut ist oder in unserer Erinnerung lebt.

15 Jahre lang lebte er in unserem kleinen Dorf Wattenwil im oberen Gürbetal,

das damals nur wenige Einwohner zählte. luescher 315 Jahre sind eine recht lange Zeit für einen Maler, der so viele Interessen hatte, der überall wieder Motive zum Malen fand in der Stadt Bern, im Ausland, in den Bergen, im Süden. Er lebte in unserem Dorf, 1/6 seines Lebens verbrachte er unter uns. Je länger wir seine Bilder betrachten, je mehr wir uns in sie versenken, umso mehr öffnet sich für uns Gottfried Lüschers Art:- seine Liebe zu den kleinen Dingen des Alltags- seine Liebe zu den bescheidenen Menschen des Alltags- seine Liebe zu den liebenswerten Einzeilheiten in den grossen Linien ihnen gehört sein Herz.

Deshalb wohl empfinden wir seine Bilder als poetisch, deshalb finden wir in vielen von ihnen einen feinen Humor, deshalb wecken sie im Beschauer Gefühle, innere Bilder, Erinnerungen. Wir spüren etwas von Gottfried Lüschers Liebe zur Schöpfung, zur Welt und ihren Bewohnern, zu Luft und Erde, zu den Tieren und Pflanzen der Heimat. Vielleicht können uns seine Bilder die Augen öffnen für eine neue Liebe zur Welt, in der wir leben.

Warum malt ein Maler eigentlich?

Mögliche Wattenwiler-Antworten hätten damals etwa gelautet:
- weil er nichts anderes gelernt hat
- damit er nicht arbeiten muss
- um reich zu werden

Nichts anderes gelernt?

Gottfried Lüscher hat sein „Handwerk“ sehr gründlich studiert und immer wieder von neuem angefangen. Er hat in München, Paris und Rom studiert, war immer wieder bei Albert Anker in Ins, hat dann aber eigene Wege und Ausdrucksformen gesucht und gefunden. Bis ins hohe Alter legte er den Pinsel, den Stift nicht aus den Händen, immer wieder versuchte er andere Darstellungsformen, andere Techniken, neue Ausdrucksmöglichkeiten.

Arbeit?

Gottfried Lüscher arbeitete sein Leben lang hart und unerbittlich. Noch mit kranken, verstümmelten Händen legte er den Pinsel nicht weg, bis der Tod ihn 1975 im hohen Alter von 94 Jahren leise beiseite legte.

Ist der Maler reich geworden?

Sein Werk war bei seinem Tod noch zum grossen Teil vorhanden, in seiner ganzen Breite und Vielfalt. Es zeugte von einem langen, intensiven Malerleben. Offenbar stand das Materielle hinter einem andern Reichtum zurück:

- die Liebe zu unserem Tal und unserem Dorf und zu anderen Landschaften
- die Liebe zu den Leuten, die hier wohnten und vom Maler würdig erachtet wurden, von ihm gemalt und gezeichnet,
  skizziert zu werden
- die Liebe zu Licht und Schatten, zu Erde und Luft, zu Tieren und Pflanzen
- die Liebe zu den grossen Linien und zu den kleinen Einzelheiten
- die Liebe zum Vordergründigen, das wir auch zu sehen vermögen, und zu den Dingen dahinter,die wir von
  Gottfried Lüscher durch seine Bilder sehen lernen könnten

Dank sei ihm für diese grosse Liebe!

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